„What culture can do?“ Symposium zu Ehren von Martin Roth

Ein Museum für jeden auf der Welt

„What can culture do?“: Rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erörtern bei „Martin Roth Symposium“ (außen-) kulturpolitische Zukunftsfragen

Berlin, 25.06.2018 – Martin Roth war einer der innovativsten, einflussreichsten Museumsleiter der Welt und ein streitbarer Intellektueller. Durch seinen Tod im letzten Jahr hat die internationale Kulturlandschaft einen ihrer bedeutendsten Köpfe verloren. Das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), dessen Präsident Roth zuletzt war, hat nun die großen Themen, die ihm am Herzen lagen, aufgegriffen. Unter der Leitfrage „What can culture do?“ versammelten sich auf Einladung des ifa am 22./23. Juni 2018 internationale Experten aus Kultur, Wissenschaft und Politik, darunter auch viele Weggefährten Martin Roths. Im Sinne von Martin Roth galt es wichtige Impulse zu setzen für Fragen, die aktuell auswärtige Kulturpolitik bewegen – vom Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext bis zur Internationalisierung der Museumsarbeit. Diese Impulse werden in einen vom Auswärtigen Amt angestoßenen Strategieprozess 2020 für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik einfließen.

„Die Ideen und Werte Martin Roths leben weiter“ sagte ifa-Generalsekretär Ronald Grätz. „Mit dem Symposium ist es gelungen, aktuelle Herausforderungen von Kultur und Gesellschaft weltweit zu diskutieren. Nun sind wir aufgefordert, Wege zu finden, diesen zu begegnen.“ Grätz stellte heraus: „Es ist dem ifa ein großes Anliegen, Martin Roths Arbeit auf diese Weise zu würdigen und diese gemeinsam mit seinem internationalen Netzwerk weiterzuentwickeln.“

Das zweitägige Symposium ist in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt entwickelt und durchgeführt worden. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering betonte in ihrer Eröffnungsrede die großen Herausforderungen, denen sich die auswärtige Kulturpolitik angesichts der veränderten Weltlage stellen müsse und für die es eine neue tragfähige Strategie für das nächste Jahrzehnt brauche. „Der kulturpolitische Ansatz Martin Roths gibt uns essentielle Hinweise für die Entwicklung unserer künftigen inter- und transnationalen Arbeit“, so Müntefering. „Denn die Kulturpolitik von morgen muss multiperspektivisch gedacht werden, jenseits der herkömmlichen Grenzen und Gepflogenheiten. Darum freue ich mich insbesondere über die große internationale Beteiligung am Symposium‎.“

Mehr als 35 Kulturschaffende und Experten aus aller Welt reisten an, um mit ihren Impulsvorträgen die verschiedenen Panels zu eröffnen. Dies waren unter anderen: Suay Aksoy (ICOM), Sheikha Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani (Qatar Museums, Doha Film Institute, Reach Out to Asia), Paolo Barratta (Biennale Venedig), David Chipperfield (Chipperfield Architects), Nico Daswani (World Economic Forum), Markus Hilgert (Kulturstiftung der Länder), Koyo Kouoh (Raw Material Company), Mateo Kries (Vitra Design Museum), Zhao Rong (Design Society), Benita von Maltzahn (Volkswagen Group), Mikhail Shvydkoy (Sondergesandter für Kultur des Präsidenten der Russischen Föderation), Christoph Thun-Hohenstein (MAK Wien) und Mariët Westermann (The Andrew W. Mellon Foundation).

Bei den Podiumsgesprächen wie auch den daran anschließenden Diskussionsrunden gingen die rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgenden Fragen nach: Wie können Museen mit nationalem Erbe umgehen, ohne Nationalismus zu befördern? Wie lassen sich auch in weltpolitisch angespannten Zeiten Kooperationen gestalten? Welche Rolle spielt Design im gesellschaftlichen Kontext, insbesondere im Hinblick auf Protest und Widerstand? Und wie gelingt es, neue Zugänge und Zielgruppen für Museen zu erschließen?

In vielen Beiträgen wurde betont, dass angesichts der großen und komplexen politischen Herausforderungen durch Klimawandel, Migration oder zunehmenden Nationalismus Kulturschaffende nicht nur etwas tun könnten, sondern auch tun müssten. Kulturinstitutionen könnten beispielsweise Strukturen, die uns prägen, sichtbar und damit verständlich machen. Sie könnten aktuelle Gefahren, mit denen sich Gesellschaften sich auseinandersetzen müssen, erklären und so Handlungsoptionen für Bürgerinnen und Bürger aufzeigen.

Die auf dem Symposium vorgestellten Projekte zeigten, wie vor allem Museen zu Orten des Experimentierens, Lernens und der Innovation werden können. Als solche könnten sie wie kaum eine andere Institution produktive Diskurse zwischen Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst ermöglichen. Es gelte nun, daraus neue Formen der Zusammenarbeit wie Koproduktionen von Ausstellungen zu entwickeln. In diesem Kontext biete auch die Digitalisierung entscheidende Ressourcen, um neue Zugänge zu Sammlungen und Ausstellungen zu gewähren und damit auch im Sinne Martin Roths an der Vision eines Museums für jeden auf der Welt zu arbeiten.

Die Beiträge der Podiumsdiskussionen von vom Freitag, 22.6., sowie Samstag, 23.6. einschließlich des Wrap ups mit Dr. Andreas Görgen, Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung im Auswärtigen Amt, können Sie auf bit.ly/ifayoutube ansehen.
Pressefotos sind online abrufbar. Weitere Informationen zum Programm finden Sie hier. In den nächsten Tagen werden auf www.ifa.de/mars auch Audiomitschnitte aller Panels und ein Zusammenschnitt der gesamten Veranstaltung bereitgestellt.

Pressekontakt:
Für weiteres Material und Interviewanfragen wenden Sie sich gerne an:
ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), Miriam Kahrmann, Leiterin Stabsbereich Kommunikation, Tel. 0711.2225.105, presse(at)ifa.de

Statements von Beteiligten

Paolo Baratta
Präsident, La Biennale di Venezia

„Europe is the result of a cultural project of unification for all the nations taking part. That is a great cultural achievement – possibly the greatest cultural achievement. But if we stop going on with this idea of projects which we engage ourselves in – and for instance the newcomers from outside – if we don’t have projects, we go back to a defensive attitude because we are left with nothing in our hands for our future. We cancel the future. We go back looking at what we had, what we were, what we have been. This is not culture, this is just reaction and using culture as a defensive tool.”

„Für alle Nationen, die daran teilgenommen haben, ist Europa ist das Ergebnis eines kulturellen Einigungsprojekts. Das ist eine große kulturelle Leistung – möglicherweise die größte kulturelle Errungenschaft überhaupt. Wenn wir aber aufhören, diese Idee von Projekten, in denen wir uns gemeinsam engagieren, weiterzutragen und zum Beispiel den Neuankömmlingen von außen zu vermitteln, dass wir keine solchen Projekte mehr haben, gehen wir in die Defensive und haben nichts mehr in der Hand für unsere Zukunft. Wir beenden die Zukunft. Wir wenden uns zurück, schauen nur auf das, was wir hatten, was wir waren, was wir gewesen sind. Das ist keine Kultur, das ist nur Reaktion und die Verwendung von Kultur als Verteidigungsinstrument.“

Ulrich Raulff
Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und designierter Präsident des ifa

„Kultur ist keine Feierabendbeschäftigung. Kultur ist kein Wellnessbereich. Aber Kultur heißt auch nicht nur Kanon und Überlieferung kanonischer Werte, sondern Kultur ist ein großes Experimentierfeld. Und je mehr Akteure offensiv Experimente durchführen im Bereich der Kultur, umso mehr Spannung ist in diesem Bereich, umso mehr kann dieser Bereich leisten. Ich hoffe, dass die kommenden Generationen das erkennen; die Möglichkeiten, die dieser Bereich und die Institutionen darin für sie bereithalten, so wie Martin Roth uns das vorgemacht hat.“

Zhao Rong
Stellv. Direktorin der Design Society, Shekou

„Today, there are so many people from different backgrounds gathering to talk about science, technology, politics or diplomacy. And these people are interconnected through the topics of culture. It seems like we are sharing the same responsibility to take care of the directions and of what we are creating with our daily work that would be considered as culture and may have an impact on our future.”

„Heute kommen so viele Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen, um über Wissenschaft, Technologie, Politik oder Diplomatie hinaus zu sprechen. Und diese Menschen sind durch die Themen der Kultur miteinander vernetzt. Es scheint, als ob wir die gleiche Verantwortung teilen, mit unserer täglichen Arbeit Sorge für die Orientierung und die Ergebnisse unseres Schaffens zu tragen, die nicht allein als ‚Kultur‘ betrachtet werden, sondern auch konkrete Auswirkungen auf unsere Zukunft haben können.“

Bill Sherman
Direktor des Warburg Institute, London

“We decided that we had to honor Martin Roth‘s memory not by having a conference about Martin Roth but by having a conference about the questions that he made us ask. And all of us who worked with him were used to him being very provocative but also very optimistic. We wanted something that would tackle difficult questions, so we tried to invite people who don’t normally have conversations together, sometimes people from different countries, and really tried to tackle these questions that were so important to his work in a number of contexts. Like what kind of work can cultural organizations, cultural objects, cultural issues do when politics fails or dialogues are impossible.”

„Wir wollten Martin Roths Andenken ehren – nicht durch eine Konferenz über Martin Roth, sondern über die Fragen, die wir ihm zufolge stellen sollten. Und wir alle, die mit ihm gearbeitet haben, waren daran gewöhnt, dass er sehr provozierend, aber auch sehr optimistisch war. Dementsprechend wollten wir schwierige Fragen in Angriff nehmen. Also haben wir versucht, Menschen einzuladen, die normalerweise keine Gespräche miteinander führen, Menschen aus verschiedenen Ländern, und versuchten Fragen anzugehen, die für seine Arbeit in unterschiedlichen Kontexten so wichtig war: Was können kulturelle Organisationen, kulturelle Objekte, kulturelle Themen leisten, wenn Politik versagt oder Dialoge unmöglich sind.“

Zelfira Tregulova
Direktor der State Tretjakov Gallery, Moskau

“Today, we live in a complex situation and every speaker at this symposium was underlining that. The more important is our role. Political relations, former economic contacts are diminishing and that’s obvious. But when I was asked earlier what about the influence of sanctions or what is the influence of the current turn of the political situation to what you are doing, I said that the only real influence which I see is that there is less money on both sides to do what we would like to do and what we would like to continue to do. Exactly because political times are so complex, we are to continue and intensify our contacts, because what we are doing – exchange exhibitions, share our cultural achievements with the world and bring to our country the greatest examples of the worlds artistic culture – is to present the image of artistic and creative diversity.”

„Wir leben heute in einer komplexen Situation – jede Rednerin, jeder Redner auf diesem Symposium hat dies unterstrichen. Umso wichtiger ist unsere Rolle. Politische Beziehungen, frühere wirtschaftliche Kontakte nehmen ab, das ist offensichtlich. Auf die vorherige Frage, was es mit dem Einfluss von Sanktionen oder dem Einfluss der aktuellen politischen Situation auf meine Tätigkeit auf sich habe, sagte ich bereits: Der einzige wirkliche Einfluss, den ich sehe, ist, dass es auf beiden Seiten weniger Geld für das gibt, was wir gern tun und was wir gern machen würden. Gerade weil die politischen Zeiten so komplex sind, müssen wir unsere Kontakte fortsetzen und intensivieren, denn was wir tun – Ausstellungen austauschen, unsere kulturellen Errungenschaften mit der Welt teilen und unserem Land die großartigsten Beispiele weltweiter Kunst und Kultur bringen – ist die Darstellung von künstlerischer und kreativer Vielfalt.”

Pepe Serra Villalba
Direktor des Museu Nacional d’Art de Catalunya, Barcelona

„Culture and museums have an enormous challenge to face in an incredibly complex political and social time like this one. But at the same time, this challenge, which is to play a role there, to be influential, to build community, to give answers, to put questions on the table – is also a great opportunity for the museums and culture to play a bigger role, to play a much more important social role than the one we have been playing.”

„Kultur und Museen stehen vor einer enormen Herausforderung in einer unglaublich komplexen politischen und sozialen Zeit wie der unsrigen. Gleichzeitig aber ist diese Herausforderung – in einer solchen Zeit eine Rolle zu spielen, einflussreich zu sein, Gemeinschaft aufzubauen, Antworten zu geben, Fragen zu stellen – auch eine große Chance für Museen und für die Kultur, eine größere Rolle zu spielen, eine gesellschaftlich sehr viel wichtigere Rolle als die, die wir bisher eingenommen haben.“

Mariët Westermann
Vize-Präsidentin, The Andrew W. Mellon Foundation, New York

“One of my most memorable conversations with Martin happened two days after Brexit. I was visiting him to talk about our shared research institute project. I had never seen him so dejected and it was unusual because he was a warm and energetic and very well spoken man. But he truly felt that Brexit was a betrayal of much of what his whole career, his life really, had stood for. And this was before he knew that his life would not be very much longer. He indicated to me that he was thinking about making a move and I asked him to think about this very seriously because I felt he was such an important museum director; and he said: ‘I feel I have to do this because inevitably, working in a politically related museum – in a national institution, you might get compromised.’ But he also said: ‘I would not leave if I felt I had not made a significant change and difference, here.’ And he clearly has. It’s visible in every aspect of the museum.”

„Eines meiner denkwürdigsten Gespräche mit Martin fand zwei Tage nach dem Brexit-Votum statt. Ich besuchte ihn, um über unser gemeinsames Forschungsinstitut zu sprechen. Ich hatte ihn noch nie so niedergeschlagen gesehen, was überaus ungewöhnlich war, da er ein warmherziger und energischer und sehr wortgewandter Mann war. Er glaubte wirklich, dass der Brexit ein Verrat an vielem war, wofür seine ganze Karriere, sein Leben stand. Und das war bevor er erfuhr, dass er nicht mehr lange leben würde. Er deutete mir an, dass er über einen Schritt nachdachte. Ich bat ihn, darüber sehr gut nachzudenken, weil ich glaubte, dass er ein so wichtiger Museumsdirektor war; und er sagte: ‚Ich muss das tun, weil ich in einem politisch relevanten Museum arbeite, in einer nationalen Institution, in der man beträchtlichem Druck ausgesetzt werden kann.‘ Aber er sagte auch, er würde nicht gehen, wenn er das Gefühl hätte, hier keine bedeutende Veränderung erreicht, nichts bewegt zu haben. Und das hat er eindeutig. Es ist in jedem Aspekt des Museums sichtbar.“

Zum Abschluss des Symposiums „What culture can do?“ zu Ehren von Martin Roth sprach Dr. Andreas Görgen (AA) mit Sonja Zekri (SZ, Feuilleton). Link zum Videomitschnitt

  • Auch auf Twitter wurde das gesamte Symposium unter dem Hashtag #MartinRoth  intensiv begleitet.
  • Bernhard Schulz hat im Tagesspiegel eine umfangreiche Tagungsrezension verfasst.

#Menschenbewegen