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Datum/Zeit
12.05.2017
12:00 – 23:00

Veranstaltungsort
daadgalerie
Oranienstraße 161
10969 Berlin


Rayyane Tabet: KOPF HOCH! MUT HOCH! UND HUMOR HOCH!

Rayyane Tabets Ausstellung in der daadgalerie ist der Auftakt eines mehrteiligen Ausstellungsprojektes[1], das auf Tabets langjährigen Recherchen zu Max Freiherr von Oppenheims Ausgrabungen am Tell Halaf basiert. Den ersten Anstoß zu diesen Recherchen gaben Dokumente und Fotografien aus Tabets Familie – sein Urgroßvater Faek Borkhoche war 1929 der Sekretär und Übersetzer Max von Oppenheims[2] während dessen dritter Forschungsreise nach Nordostsyrien.

Bei den dort seit 1911 unternommenen Grabungen wurden spektakuläre Paläste, Gräber und Grüfte aus der aramäischen und neuassyrischen Zeit freigelegt, doch gelang es Oppenheim nicht, 1927, nach der Fundteilung mit dem syrischen Antikendienst, für seinen Anteil einen Platz in dem zu dieser Zeit noch im Bau befindlichen zweiten Pergamonmuseum zu erhalten. Er gründete daraufhin ein eigenes privates „Tell Halaf Museum“ in einer ehemaligen Fabrikhalle in der Charlottenburger Franklinstraße, das 1930 eröffnet, aber 1943 durch eine Brandbombe zerstört wurde. Die Ausstellungsstücke verbrannten oder zerbarsten bei den Löscharbeiten. Die Trümmer der Basaltskulpturen und Reliefs, insgesamt rund 27.000 Fragmente, wurden noch während des Krieges in den Keller des Pergamonmuseums gebracht und erst siebzig Jahre später in fast zehnjähriger mühsamer Arbeit von Archäologen und Restauratoren des Vorderasiatischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin rekonstruiert. 2011 wurden sie in einer Ausstellung im Pergamonmuseum erstmals wieder öffentlich gezeigt.

Foto: Photograph of Faek Borkhoche holding the snake he found under his tent while working as a translator on the archeological expedition of Max von Oppenheim in Tell Halaf. June 5, 1929. Courtesy of Arlette Borkhoche Tabet and the artist.

Die damals maßgeblich an der Restaurierung beteiligten Wissenschaftler, Dr. Nadja Cholidis und Dr. Lutz Martin, haben Rayyane Tabet den Zugang zu den mittlerweile in einem Außendepot gelagerten Bildwerken ermöglicht. Die bei diesen Besuchen entstandenen rund 1000 Kohlefrottagen bilden Reststücke ab, die bei den Restaurierungsarbeiten nicht mehr zugeordnet werden konnten. Inspiriert von Fotografien der während der Restaurierungs-arbeiten auf Paletten ausgelegten Fragmente, hat Tabet eine spezifische Form der Hängung entwickelt, die in der daadgalerie in eine raumgreifende Installation umgesetzt wird. 24 Reliefplatten, die im Sockelbereich der Palastterrasse angebracht waren, sind aktuell noch immer im Pergamonmuseum zu sehen und wurden von Tabet ebenfalls mittels Frottagetechnik reproduziert.

Der Ausstellungstitel, als monumentaler Schriftzug auf der Glasfassade der daadgalerie umgesetzt, ist ein Zitat Oppenheims, das dieser zu seinem Lebensmotto gemacht hat – der ungebrochene Optimismus, angesichts der eigentlich verzweifelten Lage, sein Lebenswerk zerstört zu sehen, zeichnete den autodidaktischen Orientalisten aus. Neben den vielschichtigen Erzählsträngen historischer Fakten und persönlicher Erinnerungen, die Tabet hier aufgreift, widmet die Ausstellung sich auch den materiellen Spuren und dem Verlust kulturellen Erbes.

Die bittere Ironie der Geschichte, dass die Bildwerke aus Tell Halaf 3000 Jahre lang etliche Kriege und Herrschaftswechsel überdauerten, um dann in einem Berliner Museum im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst 70 Jahre später rekonstruiert zu werden, gipfelt in der verheerenden aktuellen Lage des nunmehr seit sechs Jahren andauernden Krieges in Syrien. Seit diesem Zeitpunkt konnten auch die Forschungsarbeiten des deutsch-syrischen Archäologenteams am Tell Halaf nicht fortgeführt werden. Das Nationalmuseum in Aleppo, in dessen Sammlung sich ein Teil des Oppenheimschen Fundes befindet, wurde im Juli 2016 schwer beschädigt.

Rayyane Tabet geboren 1983 in Ashqout, Libanon, lebt und arbeitet in Beirut. Er war 2016 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

[1] Weitere Stationen des Projektes mit jeweils eigenen Schwerpunkten sind in diesem Jahr: Witte de With, Rotterdam (in der Reihe „Para Fictions“ (Juli-Okt.) sowie die Zusammenführung der einzelnen Projekte in Tabets Einzelausstellung im Kunstverein in Hamburg (Nov.-Feb) und einer dort zur Ausstellung erscheinenden Publikation.

[2] Max Freiherr von Oppenheim (*1860 in Köln †1946 in Landshut),  Diplomat, Orientforscher und Archäologe.

PROGRAMM

Führungen um 19.00, 20.00 und 21.00 Uhr

ÖPNV

U8 Moritzplatz
Bus M29 Oranienplatz oder Moritzplatz


In den Kalendar 2017-05-12 2017-05-12 Europe/Berlin Rayyane Tabet: KOPF HOCH! MUT HOCH! UND HUMOR HOCH! https://menschenbewegen.jetzt daadgalerie info@menschenbewegen.jetz