UNESCO erkennt 15 Traditionen als Immaterielles Kulturerbe an

Aus Deutschland Orgelbau und Orgelmusik nominiert

Das UNESCO-Komitee für Immaterielles Kulturerbe hat heute im südkoreanischen Jeju neun traditionelle Fertigkeiten und Wissensformen neu in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Neben der kubanischen Musik und Poesie Punto gehören dazu beispielsweise die Herstellung und das Teilen der Mahlzeit Dolma in Aserbaidschan sowie die Kunst des Shital-Pati-Webens von Sylhet in Bangladesch. Damit umfasst die Liste, die die Vielfalt des immateriellen Kulturerbes weltweit abbilden soll, nun 374 Kulturformen.

In die „Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes“ wurden sechs Elemente aufgenommen, darunter die türkische Pfeifsprache und die Dikopelo-Musik der Volksgruppe Bakgatla-ba-Kgafela in Botswana. Nur noch wenige Menschen praktizieren diese überlieferten Bräuche. Die UNESCO schafft Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit, rasch Erhaltungsmaßnahmen zu ergreifen, und stellt auf Antrag Fördermittel für den Erhalt dieses Erbes zur Verfügung.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe tagt noch bis zum 9. Dezember im südkoreanischen Jeju. Am 7. Dezember berät er über die deutsche Nominierung des Orgelbaus und der Orgelmusik.

Neueinträge in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes:

Armenien: Kochari, traditioneller Gruppentanz. Kochari ist ein traditioneller Tanz, der überall in Armenien anlässlich von Festtagen und speziellen Zeremonien aufgeführt wird. Die Weitergabe erfolgt beispielsweise im Schulsystem aber auch außerhalb. 2004 wurde der Kurs „Volkslied und Volkstanz“ in die Curricula von Gesamtschulen aufgenommen. Bildungsprogramme bringen die Tradition in Jugendkunstzentren. Volkstanzgruppen sind seit den 1960er Jahren auch in verschiedenen Gemeinden aktiv. NGOs veranstalten regelmäßig Tanzkurse.

Aserbaidschan: Die Tradition der Herstellung und des Teilens von Dolma. Die Dolma-Tradition umfasst Wissen und Fähigkeiten bezüglich der Zubereitung der traditionellen Mahlzeit „Dolma“: Kleine Portionen werden in Blätter gewickelt oder in Gemüse eingefüllt. Das Essen wird in Familien oder innerhalb lokaler Gemeinschaften geteilt, es drückt Solidarität, Respekt und Gastfreundschaft aus. Die Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben und überschreitet ethnische und religiöse Grenzen innerhalb des Landes. Ihre Lebendigkeit wird durch zahlreiche Aktivitäten sichergestellt, unter anderem Festivals, Berufsschulen, die die Tradition lehren, und Veröffentlichungen.

Bangladesch: Traditionelle Kunst des Shital-Pati-Webens von Sylhet. Shital Pati ist die traditionelle Kunst, eine handgefertigte Matte herzustellen. Dazu werden Streifen einer grünen Rohrpflanze namens Murta miteinander verbunden. Das Produkt wird von Menschen in ganz Bangladesch als Sitzmatte, Tagesdecke oder Gebetsmatte verwendet. Die Beherrschung der Technik schafft soziales Prestige. Die Regierung fördert das Bewusstsein für Shital Pati durch lokale und nationale Handwerksmessen. Auch werden Shital-Pati-Gemeinden zunehmend in Genossenschaften organisiert, um die effiziente Erhaltung und Weitergabe des Handwerks zu gewährleisten.

Bolivien: Rituelle Reisen in La Paz während des Alasita-Fests. Anlässlich der rituellen Reisen erwerben die Teilnehmenden „Glücks“-Miniaturen. Diese werden mit Ekeko, dem wohltätigen Fruchtbarkeitsgott der Stadt La Paz, in Verbindung gebracht. Die Reisen beginnen mit der Suche und dem Erwerb der Miniaturen, gefolgt von ihrer Weihe im Rahmen verschiedener Andenrituale oder ihrer Segnung durch die katholische Kirche. Die Menschen tauschen die Miniaturen auch untereinander, um symbolisch Schulden zu bezahlen. Spenden und die Bezahlung von Schulden, auch wenn sie symbolisch sind, verringern Spannungen zwischen den Menschen und sozialen Schichten.

Bosnien und Herzegowina: Konjic-Holzschnitzerei. Die Holzschnitzerei ist ein Kunsthandwerk mit langer Tradition in der Gemeinde Konjic. Die Produkte, zu denen Möbel, raffinierte Interieurs und kleine dekorative Objekte gehören, zeichnen sich durch ihre handgeschnitzten Motive und ihre visuelle Gesamtidentität aus. Die Holzschnitzerei ist ein konstitutiver Teil der Kultur der lokalen Gemeinschaft, ein Maß für die Schönheit und Annehmlichkeit von Wohnräumen und eine Tradition, die ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit schafft. Die Praxis spielt jedoch nicht nur auf Gemeindeebene in Konjic eine sehr wichtige Rolle, sondern auch landesweit und in Diasporagemeinschaften.

Bulgarien, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Moldau, Rumänien: Kulturelle Praktiken des 1. März. Dieser länderübergreifende Brauchkomplex feiert den Beginn des Frühlings. Im Zentrum steht die Praxis, eine rot-weiße Kordel herzustellen, weiterzugeben und zu tragen. Diese bietet symbolischen Schutz vor Gefahren, wie launischem Wetter, und sorgt für einen sicheren Übergang vom Winter zum Frühling. Auch Reinigungsrituale sind Teil der Praxis. Die Praxis stärkt sozialen Zusammenhalt und fördert intergenerationellen Austausch.

Côte d’Ivoire: Zaouli, Musik und Tanz der Guro. Zaouli verbindet populäre Musik mit einem speziellen Tanz. Die Tänzer sind dabei stets verkleidet, tragen eine Maske und ein Kostüm. Die Dorfältesten spielen eine Schlüsselrolle im Prozess der Weitergabe. Zaouli hat eine erzieherische, spielerische und ästhetische Funktion. Mehrmals pro Woche werden Veranstaltungen von den Gemeinschaften organisiert, um Zaouli zu praktizieren. Wettbewerbe und Festivals zwischen Dörfern dienen der weiteren Förderung der Praxis, ebenso werden Forschungs- und Dokumentationsmaßnahmen zum Erhalt der Tradition durchgeführt.

Kuba: Punto. Punto ist die Musik und Poesie kubanischer Bauern. Es fördert Dialog und bringt die Gefühle, das Wissen und die Werte der praktizierenden Gemeinschaften zum Ausdruck. Landesweit werden Seminare, Workshops, Wettbewerbe, Festivals und weitere Veranstaltungen zur Erhaltung und Weitergabe von Punto organisiert. Den Trägern und Praktizierenden wurde mittlerweile sogar eine eigene Berufsbezeichnung verliehen.

Saudi-Arabien: Al-Qatt Al-Asiri, traditionelle Innenwanddekoration durch Frauen in Asir. Al-Qatt Al-Asiri ist eine traditionelle Kunst der Dekoration von Innenwänden, die charakteristisch für die Region Asir ist. Die Kunsttechnik wird vor allem von Frauen angewendet und weitergegeben, die als Künstlerinnen, Designerinnen und Architektinnen arbeiten. Die Kunst fördert die sozialen Bindungen und die Solidarität zwischen den Frauen innerhalb der Gemeinschaft. Sie wird meist durch familiäre Beziehungen weitergegeben; durch Beobachtung, Übung und Ausprobieren erlangen Interessierte die Kenntnisse und Fähigkeiten zur traditionellen Dekoration von Innenwänden.

Neueinträge in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes:

Botswana: Dikopelo-Musik der Volksgruppe Bakgatla-ba-Kgafela in der Gemeinde Kgatleng. Die Dikopelo-Musik besteht aus Gesang im Chor und einstudierten Tänzen. Dikopelo steht auch für eine gemeinsame Vision des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Durch die zunehmende Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte ist es schwierig, die Tradition lebendig zu halten. Dikopelo soll nun als Strategie zur Beseitigung sozialer Missstände revitalisiert werden.

Kolumbien, Venezuela: Kolumbianisch-venezolanische Arbeitslieder der Llaneros. Die Arbeitslieder sind ein mündlich überliefertes Reservoir der individuellen und kollektiven Geschichten der Llaneros. Die Lieder zeugen von einer engen Beziehung der Gemeinschaft zu ihren Rindern und Pferden sowie von einer Harmonie zwischen Mensch, Tier und Natur. Wirtschaftliche, politische und soziale Veränderungsprozesse haben die Tradition geschwächt. Jedoch gibt es zahlreiche Bemühungen, die Lieder zu erhalten und junge Menschen für die Bedeutung der Kulturform zu sensibilisieren.

Marokko: Taskiwin, Kampftanz im westlichen Hohen Atlas. Der Tanz hat seinen Namen von dem reich verzierten Horn, das jeder Tänzer trägt – dem Tiskt – und beinhaltet die Kunst, die Schultern zum Rhythmus von Tamburinen und Flöten zu bewegen. Die Praxis ist ein wichtiges Mittel der Sozialisierung für junge Menschen. Aufgrund verschiedener Faktoren drohen der Tanz und das handwerkliche Können für den Bau der Instrumente zu verschwinden. Zum Erhalt der Kulturform wurde 1993 der erste eigene Verein in der Region gegründet; eine Initiative, der bereits mehrere andere Dörfer gefolgt sind.

Mongolei: Traditionelle Praktiken der Verehrung heiliger Stätten in der Mongolei. Die Verehrung heiliger Stätten ist unter den Nomaden der Mongolei eine bedeutende Kulturpraxis. Die Praktiken beruhen auf der Huldigung von Gottheiten des Himmels, der Erde, der Berge und der natürlichen Umgebung. Die Zeremonien schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit und sensibilisieren für die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Zur Zeit des kommunistischen Regimes in der Mongolei war die Verehrung heiliger Stätten verboten. Globalisierung und die rasch voranschreitende Urbanisierung schwächten die Kulturform zusätzlich. Die Gemeinschaften arbeiten jedoch aktiv mit der Regierung zusammen, um die Praxis wiederzubeleben.

Türkei: Pfeifsprache. Mittels Pfeifsprache kann über weite Entfernungen und tiefe Täler kommuniziert werden. Die ländlichen Gemeinschaften betrachten diese Praxis als grundlegenden Bestandteil ihrer kulturellen Identität. Technologische Entwicklungen und sozioökonomische Veränderungen führten jedoch zu einem Rückgang der Anzahl an Praktizierenden. Gegen diese Bedrohungen haben die Gemeinden die Sprachpraxis sowohl national als auch international aktiv gefördert, um ihre Lebendigkeit weiter zu gewährleisten. Auch wird sie immer noch familiär von Generation zu Generation weitergegeben.

Vereinigte Arabische Emirate: Al Azi, die Kunst des Lobes, des Stolzes und der kraftvollen Dichtkunst. Al Azi ist ein traditioneller Poesievortrag, der von einer Gruppe von Personen aufgeführt wird. Die Praxis stärkt soziale Bindungen und beinhaltet auch tradiertes Naturwissen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Al Azi regelmäßig aufgeführt. Durch starke Binnenmigration geriet die Tradition jedoch immer mehr in Vergessenheit. Vor einigen Jahren wurde die Praxis in eine sehr erfolgreiche Theaterproduktion eingebettet. Die Berichterstattung in den Medien hat dazu beigetragen, Al Azi wieder bekannt zu machen und mehr Dichter zu ermutigen, Gedichte nach der Al Azi-Kunst zu entwickeln.

Hintergrundinformationen

Der Zwischenstaatliche Ausschuss setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen in die UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes. Bisher sind 374 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 53 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und 17 gute Praxisbeispiele zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes. Kriterien für die Anerkennung sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmaßnahmen, eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft und die Eintragung in ein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.

Weitere Informationen

Webseite der zwölften Sitzung des Zwischenstaatlichen Ausschusses zum Immateriellen Kulturerbe
Nominierungsdossier Orgelbau und –musik
Nominierungsfilm
Orgelbauer und Organisten in Deutschland im Portrait
FAQ Immaterielles Kulturerbe

Pressekontakt

Deutsche UNESCO-Kommission
Pressesprecherin
Katja Römer
Tel. +49 228-60497-42
Email: roemer(at)unesco.de