Rede Dr. Andreas Görgen

(es gilt das gesprochene Wort)

„Für eine post-nationalstaatliche Kulturpolitik“

Radialsystem, 05.09.2017
 

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#menschenbewegenjetzt
 
Ansprache anlässlich des Treffens der Mittler- und Partnerorganisationen des Auswärtigen Amtes
am 5.September 2017 im Radialsystem, Berlin
 
Der heutige Abend hätte es verdient, dass ich jeden Einzelnen hier im Saal begrüße. Denn alle, die wir hier versammelt sind, haben wir in den vergangenen dreieinhalb Jahren mit angepackt, die Kulturpolitik unseres Landes im Ausland zu verbessern. Eine Politik für die Kultur, für die Freiheit von Wissenschaft und Bildung, von Kunst und Meinung. Aber eben auch: eine Kultur der Politik.
Indem Politik die Künste und die Wissenschaft, Meinung und Streit, Hoffnungen und Befürchtungen nicht als divertimento der „wirklichen“ oder „harten“ Politik, als „soft“ power“, Leitkultur oder Gesellschaftskitt vergewaltigt. Sondern eine Politik, die den Freiheitsanspruch von Meinung, Wissenschaft und Künsten ernst nimmt und verteidigt.
 
Wir nennen das einen sozialen Kulturbegriff und versuchen uns eine Vorstellung davon zu machen, wie wir die Autonomie dieser gesellschaftlichen Bereiche besser verteidigen, schützen und fördern können. Wir tun dies nicht, weil wir glauben, dass dies das einzig mögliche Verständnis von Kulturpolitik sei. Sondern weil wir der Meinung sind, es sei in dieser Zeit das richtige. In diesem Sinne darf ich Sie ganz herzlich alle gemeinsam begrüßen!
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich danke Ihnen im Namen des Auswärtigen Amtes und auch ganz persönlich für die Zusammenarbeit in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Für Ihre Bereitschaft, uns an Ihrem Wissen, an Ihrem Wirken und an Ihrem Wollen teilhaben zu lassen. Alles drei, Ihr Wissen, Ihr Wirken und Wollen waren oft größer als unser Verständnis oder unsere Möglichkeiten. Und so habe ich auch zu danken, dass Sie eingeschränkte intellektuelle oder finanzielle Mittel nicht für eine beschränkte Zusammenarbeit gehalten haben.
Um so mehr danke ich Ihnen für Ermutigung und Energie, wenn uns diese fehlte. Und vor allem für die Zuneigung und Liebe, mit der Sie von A bis Z, von der Archäologie bis in die Zeitungen sich der gemeinsamem Sache annehmen!
Wir sind ja hier sozusagen unter uns, unter Leuten, die sich selbst der Kulturpolitik dieses Landes zurechnen oder wenigstens zurechnen lassen. Und so erlauben Sie einen ganz besonderen Dank an diejenigen, die heute nicht hier sein können. Die über die Politik für die Kultur hinaus für die Kultur der Politik dieses Landes stehen und derzeit besonders häufig auf Marktplätzen und an Ständen zu finden sind. Die sich dort das ein oder andere Mal beschimpfen und hoffentlich manchmal auch beklatschen lassen. Weil sie der nobelsten Aufgabe in einer Demokratie nachkommen und sich selbst und ihre Ansichten zur Wahl stellen. Weil sie im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten für das, was wir tun. Und so gilt mein besonderer Dank und ich glaube unser aller besonderer Dank den Politikerinnen und Politikern dieses Landes und ganz besonders den Mitgliedern des Deutschen Bundestages!
 
Ich betone das so sehr, weil ich glaube, dass gerade heute besonders viel politischer und nicht nur politischer Mut dazu gehört, unseren Ansatz in der Kulturpolitik zu verteidigen und zu finanzieren. Denn unser Ansatz bedeutet letztendlich: Zugang schaffen zu Kultur und Bildung über politische, geographische, kulturelle und soziale Grenzen hinweg. In einer Einwanderungsgesellschaft, die skandalös schlechte Ergebnisse erzielt, was den Zugang ihrer eigenen Zukunft, ihrer Kinder und Jugendlichen zu Kultur und Bildung erreicht. In einer Welt, in der Zugangsräume an vielen Orten mit vielen Mitteln immer weiter eingeschränkt werden. Und letztlich: Zugang zu Kultur und Bildung weil wir glauben, dass sie ein menschliches Leben ausmachen. Weil neben der humanitären Hilfe die Hilfe zur Humanität zu stehen hat.
 
Das mag man für naiv halten. Aber haben wir nicht seit den Geschichten aus 1000 und Einer Nacht gelernt, dass nur das Reden über und Erzählen von Geschichten uns abhält, Geschichte zu machen durch Krieg und Sterben?
Wir haben also Grund, unseren Ansatz nicht für naiv zu halten. Aber wir stehen geradezu exemplarisch für das, was bei vielen Gefühle der Bedrohung auslöst. Wir stehen für das Auflösen gewohnter Grenzen, das manchmal turbulente Zusammenfließen von Innen und Außen. Wir wissen, wie oft genau diese Turbulenzen zu Sorgen führen und als Bedrohung empfunden werden. Gegen dieses latente Gefühl der Bedrohung anzukämpfen ist Teil unserer Aufgabe. Durch Chancen und Hoffnung, durch Zusammenarbeit und Verständigung – auch hier bei uns in Deutschland. Und ja, es stimmt, was Brecht in seinem Deutschland-Lied schreibt: „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“! Wir brauchen Schönheit und Kraft, Herz und Hirn, wenn wir das schaffen wollen. Den Mut zum demokratischen Streit und die Kraft zur Versöhnung von Verschiedenheit. Nur so kann auch unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame Zukunft entstehen. Das ist der Kampf für eine offene Gesellschaft, für den Martin Roth als Museumschef und Kulturpolitiker beispielgebend war. Wir vermissen ihn auch deshalb heute besonders. Aber wir versuchen, seinem Erbe gerecht zu werden.
 
Nicht nur hier bei uns, aber ganz besonders hier bei uns. Auf uns alle hier wird in den kommenden Jahren eine sehr sehr große Aufgabe zukommen: In dem Maße, in dem Außen und Innen nicht mehr klar zu trennen sind, werden Ihr ganzes Wissen um die Verschiedenheit der Kulturen, Ihre ganze Empathie für diese stärker denn je hier in Deutschland gefordert sein.
 
Nur ein Beispiel will ich nennen, über das ich bereits mit dem Goethe-Institut gesprochen habe: Die Auseinandersetzung mit der Shoah, das „Nie wieder“ gegenüber Antisemitismus und Rassismus ist Grundlage unseres Landes. Und wir werden in den kommenden Jahren vor der Aufgabe stehen, diese Erzählung, diese Sicht der Welt als eine gemeinsame in einer Bevölkerung zu verankern, in denen viele viele Kinder und Jugendliche zu Hause am Küchentisch ganz andere Erzählungen hören. Aber wir sollten nicht so tun, als ob das eine besonders schwierige oder unlösbare Aufgabe sei. Denken wir nur daran, wie gut es uns gelungen ist, aus der Erzählung von der Erbfeindschaft mit Frankreich eine Erzählung der Freundschaft zu machen!
 
Gegen diese Überzeugung einer post-nationalstaatlichen Kulturpolitik träumen andere dem souveränen Nationalstaat hinterher. Entweder, indem sie ein Land anstreben, in dem man gemütlich vor sich hin leben kann, das ist sozusagen die Variante der spießbürgerlichen Ignoranz. Oder indem sie den Verlust an wirtschaftlicher und sicherheitlicher Souveränität ersetzen wollen durch kulturelle Souveränität. Das ist dann die Variante der agressiven Intoleranz.
Deren Motto lautet: „wenn wir schon weniger zu sagen haben, dann sollen wenigstens weniger etwas zu sagen haben“. Sie haben noch eine Definition aus dem 19. Jahrhundert im Ohr: Staatsgebiet, Staatsgewalt und Staatsvolk – und das ganze bitte einheitlich.
 
Sie vergessen, dass die Nationalstaaten in Europa ein Versuch waren, eine Antwort zu geben auf die Unterdrückung durch Kaiser und Könige, auf befohlene Kriege und auf Arbeitssklaverei hier in Europa. Hier in Europa – denn die da draußen, vor allem die Menschen in den ehemaligen Kolonien, haben wir Europäer noch lange nicht als Gleiche angesehen und wenn ich an den ein oder anderen Aspekt in der aktuellen Kolonialismus-Diskussion denke, dann haben wir damit immer noch Schwierigkeiten! Auch die, dass wir Nationalstaaten als Teil der Lösung von Problemen ansehen und nicht zugleich als Teil der Probleme.
 
Deswegen wird es auch nicht genügen, wenn wir uns hier in Deutschland um die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus kümmern. Sondern wir müssen vor allem unser Land und unser Denken und Fühlen öffnen für die Kritik, die aus anderen Ländern kommt. Unsere Museen öffnen für Kuratoren, die einen anderen Blick auf die Objekte haben, uns mit unseren Ausstellungen und Museumskooperationen nicht nur zeigen, sondern vor allem gemeinsam neue Sichtweisen schaffen, unser Verständnis von Markt und Macht öffnen für Kritik am Kapitalismus und seinen Auswirkungen. Aber eben auch: bereit sein, unser Verständnis von Nationalstaaten zu hinterfragen und offen zu sein für Kritik aus Kontinenten, die wir in diese Strukturen gezwängt haben.
 
Wenn wir auch nur eine Chance haben wollen, mit unserem Verständnis von Welt und Gesellschaft gehört zu werden, dann doch nicht als Nationalstaat mit der Einwohnerzahl eines chinesischen Häuserblocks oder Provinz. Wenn wir unsere Fantasie, unsere Hoffnungen und das europäische Versprechen einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft der Propaganda von Autokraten und Diktatoren entgegensetzen wollen, dann doch nicht mit 5 neuen Goethe-Instituten in 10 Jahren, während China, Russland und die Türkei in 5 Jahren über 500 neue Knotenpunkte aufbauen.
 
Oder Russland, Katar und China zusätzlich zum analogen auch den digitalen Raum besetzen. Unser Weltbild und unsere Weltbilder stehen in einer internationalen Konkurrenz. Entweder wir stellen uns dem oder wir sollten uns nicht wundern, wenn zum Beispiel in Afrika, in den arabischen Ländern oder auch im Baltikum und auf dem Balkan andere Töne herrschen und andere Erzählungen die Vorstellungen der Menschen prägen. Auch hier brauchen wir Lösungen, die europäisch über die bisherigen nationalstaatlichen Lösungen hinausgehen.
Wir wollen in dem „Kampf der Narrative“, von dem Paul Mason spricht, nicht beiseite stehen. Vereinfacht gesprochen, sehen wir zwei Gesellschaftsmodelle im Wettstreit. Das eine lautet „Wohlstand ohne Widerspruch“, das andere, unseres „Fortschritt durch Widerspruch“. Wenn das unsere Sicht der Dinge ist, wenn wir „mehr“ und anderes für das Leben der Menschen wollen, als die Optimierung des individuellen Wohlergehens, dann müssen wir unsere eigene Sicht der Dinge, unsere Erzählungen und Bilder anbieten. Das heißt auch: wir müssen raus aus den klösterlichen Amtsstuben und rauf auf den Platz der öffentlichen Auseinandersetzung.
 
Wir begreifen Gesellschaften als Kommunikationszusammenhänge. Die das gemeinsame Streiten über eine bessere Zukunft freie Meinungen und freie Medien brauchen wie die Luft zum Atmen. Deswegen spielen die sogenannten kommunikativen Grundrechte in unserer Verfassung eine zentrale Rolle. Deswegen haben wir in dieser Legislaturperiode auch so energisch einen Bereich für strategische Kommunikation innerhalb meiner Abteilung aufgebaut. Deswegen kümmern wir uns, ob im Baltikum oder in der Türkei, ob in Russland oder China, auch so intensiv um die Freiheit der Medien und der Meinungsmacher. Wir unterstützen durch Schulungen und Content, durch Programme und Projekte auch ganz individuell, wie zurzeit unsere gemeinsame Sorge für Dogan Akhanli, Deniz Yüksel, Kirill Serebrennikow und viele andere.
Unsere Kommunikationsarbeit setzt also ein beim schon angesprochenen politischen Diskurs. Hier geht es um die mögliche Gestaltung der realen Welt. Doch mindestens genau so wichtig ist es, Zugang zu gewähren und Zugang zu erhalten zu den Hoffnungen und Ängste, den Visionen und Gründen einer Gesellschaft.
 
Kurz: neben der möglichen Gestaltung der realen Welt geht es um die reale Gestaltung einer möglichen Welt. Um Erkenntnis und Empfingen, das außerhalb des politischen Diskurses liegt. Oder noch kürzer: Um Kunst und Wissenschaft. Deswegen sind diese in ihrer Freiheit im Grundgesetz noch einmal besonders geschützt und deswegen sind der Schutz und das Schaffen von Freiheitsräumen ein zentrales Anliegen der Auswärtigen Kulturpolitik.
 
Ganz konkret, indem wir Orte, Goethe-Institute, Schulen, Ausstellungen, Wissenskooperationen fördern, aber auch indem wir lokale Strukturen unterstützen. Gerade in einer Zeit, in der Echokammern und shrinking spaces die freie Rede, das freie Nachdenken und künstlerische Schaffen bedrohen. So schärfen wir unsere kulturelle Intelligenz. So lernen wir mitzufühlen und mitzudenken mit unseren Freunden in der Welt. Wir sind davon überzeugt, dass der künstlerische und wissenschaftliche Freiraum, je mehr man ihn in Ruhe läßt, um so schönere Ergebnisse und Erlebnisse gewährt. Ja, wir sind davon überzeugt, dass eine Stunde in Kino, Konzert oder mit einem Buch in der Hand eine andere Welt öffnet und dass Kunst und Kultur uns vor der sogenannten Alternativlosigkeit retten können.
 
Deswegen lassen wir sie, unsere Mittler und Partner auch in der Gestaltung ihrer Programme und Projekte mehr in Ruhe als andere das tun. Ihre Freiheit ist unser gemeinsamer Fortschritt.
 
Wenn er auf der Grundannahme beruht, dass wir etwas ändern wollen und müssen. Nicht wenn er auf der Grundannahme beruht, man müsse nur das Wohlergehen der eigenen Institutionen ein wenig optimieren. Ein Schräubchen hier, ein Progrämmchen da. Damit wird es nicht getan sein. Denn diese Optimierung ist viel zu häufig selbstreferentiell, die immer weitere Verbesserung des Guten, aber nicht unbedingt das Bessere im Verhältnis zur Konkurrenz.
Eine post-nationalstaatliche Auswärtige Kulturpolitik wird daher eine Kulturpolitik sein, in der sich stärker noch als bisher Goethe-Institute, aber nicht nur diese anderen europäischen Partnern als Plattform anbieten. In denen wir lernen, gemeinsam als Europäer zu arbeiten. Und ich bin besonders froh, dass wir uns mit den Beschlüssen des deusch-französischen Ministerrates und in den Gesprächen über die neuen Ziele des Goethe-Institutes genau auf diesen Weg gemacht haben. Gemeinsam mit den französischen Freunden wollen wir in den nächsten Jahren 10 gemeinsame Institute schaffen. Gemeinsam mit Frankreich und anderen europäischen Partnern sowie Partnern vor Ort bauen wir in der Türkei europäische Kulturorte auf. Wir sprechen über die Produktion von content und den Einsatz strategischer Kommunikation gegen Propaganda und fake news mit unseren europäischen Partnern.
 
Enden möchte ich mit dem schönsten Dank, den ich für die Arbeit meines Teams erhalten habe und den ich hiermit gerne weitergebe an Sie alle. Denn er zeigt den Geist, in dem wir zusammen gearbeitet haben und weiter zusammen mit Ihnen arbeiten wollen: Ein Theatermann, den wir Irak unterstützen durften, schreibt da: „ich wollte Ihnen ein ganz großes Danke sagen, für die Art und Weise, wie alle ihre Mitarbeiter uns bei unserer ersten Runde Theaterarbeit in Sulaymaniyah unterstützt haben: Von der großartigen Frau XXX bis hin zur nicht minder großartigen, und bei meinen Nachfragen immer unglaublich geduldigen Frau YYY, möchte ich sehr danken. Wenn man das erste Mal so ein Projekt macht, gar nicht genau weiß, auf was man sich einlässt, und dann irgend wann begreift, das man gerade dabei ist, zu dritt ein ganzes Theater zu gründen, dann ist es unglaublich gut, so engagierte und großzügige Partner in Deutschland zu wissen.“
 
Engagierte und großzügige Partner, das wollen wir Ihnen sein – das sind Sie uns und in diesem Sinne danke ich Ihnen allen für die Zusammenarbeit in dieser Legislaturperiode und freue mich auf Fortsetzung!