Grußwort von Staatsministerin Michelle Müntefering zur Verleihung der Goethe-Medaille

— es gilt das gesprochene Wort —

Ich möchte Sie mitnehmen auf eine kleine Zeitreise.
Vor uns steht der junge, noch sehr junge, Johann Wolfgang Goethe. Sechs Jahre ist er alt.

Der Glaube hatte bei ihm und in seiner Familie schon früh eine große Bedeutung. Doch dieser Sechsjährige ist in dieser Zeit gegenüber Gott voller Zweifel, ausgelöst durch eine Naturkatastrophe, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur bei ihm sicher geglaubte Gewissheiten infrage stellte.

Das erfahren wir aus seinem Buch „Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit.“ in dem er viele Jahre später schreibt:

Durch [dieses] außerordentliche Weltereignis wurde die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im Tiefsten erschüttert. […] Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, […] hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen.

Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt umso weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten.     

[Goethe, Johann Wolfgang. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Band I, 1. Buch. 1811]

Es war das Erdbeben vom 1. November 1755 in Lissabon, das ihn nachhaltig beeindruckte. In einem Tsunami und einem verheerenden Brand wurden damit nicht nur die portugiesische Hauptstadt, sondern auch bis zu 100.000 Menschenleben ausgelöscht.

Das Erdbeben von Lissabon war eine der verheerendsten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte. Diese Naturkatastrophe stellte nicht nur die Theologen und Philosophen der Zeit vor die Frage, wie ein gütiger Gott so etwas zulassen konnte – sondern es führte auch zu politischen Spannungen.

Heute wird das Erdbeben von Lissabon auch als Naturkatastrophe gesehen, die letztlich auch der Aufklärung ihren Weg bereitete – denn sie erschütterte Europas Weltbild am nachhaltigsten.

Auf den Aufklärungsoptimismus und die Diskussion um Schuld und Sühne folgte so die Etablierung der Geowissenschaften – doch auch über 260 Jahre danach wissen die Geologen noch immer nicht, was das Beben ausgelöst hat.

Für den kleinen Goethe war dies eine Katastrophe, die ihn früh prägte. Wie wir heute wissen lernte er, mit dieser und anderen Erschütterungen in seinem Leben umzugehen – nicht zuletzt waren ihm Katastrophen und persönliche Tragödien, die in seinem Leben oft eine zentrale Rolle einnahmen, immer auch Inspiration in seinem kreativen Schaffen.

Verehrte Damen und Herren,

Goethe wusste nichts von den Katastrophen, die Europa noch heimsuchen sollten, etwa dem bevorstehenden 1. Weltkrieg, der Tod und Zerstörung über Europa brachte. Und er ahnte nicht, welches Leid die Menschheit selbst über sich bringen sollte – mit den unvorstellbaren Verbrechen der Shoah, des industriellen Massenmordes an den Juden – keine 200 Jahre später.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die diesjährige Preisverleihung der Goethe-Medaille, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Leben nach der Katastrophe“. Sie öffnet damit auch den Blick in die Zukunft.

 

Die Geschichte der Menschheit, gerade auch die deutsche Geschichte, zeigt, dass es ein Leben nach der Katastrophe geben kann. Nach dem Nationalsozialismus, nach dem Holocaust und der gezielten Vernichtung von Millionen Menschen, war dennoch ein Neuanfang möglich.

Es muss uns heute wie ein Wunder erscheinen, jeden Tag aufs Neue, dass es gelungen ist, Europa in Frieden zu einen.

Auch wenn dieser Neuanfang auf den Ruinen von Zerstörung, belastet durch Scham und Ungewissheit über die Zukunft, unsagbar schwer war: Dass Deutschland nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, in einem vereinigten Deutschland und einem friedlichen Europa einen Neuanfang als in der Völkerfamilie geachtetes Land erleben durfte, das verdanken wir vielen mutigen und engagierten Menschen.

Gerade heute, da auch bei uns in Europa der Populismus seinen Höhepunkt vermutlich noch nicht erreicht hat und die Errungenschaften der Kooperation, des Multilateralismus und der Demokratie gefährdet sind, heute, da Europa vor neuen Herausforderungen steht und alte Gewissheiten der Welt sich zunehmend aufzulösen scheinen, braucht es einen solchen Preis, wie wir ihn heute verleihen und vor allem braucht es Menschen, die ihn Empfang nehmen – umso mehr.

Lieber Klaus-Dieter Lehmann, die Preisträgerinnen und Preisträger zeigen in der Tat, wie Zugang und Umgang zu den schwierigsten Themen des menschlichen Lebens geschaffen werden kann.

Wir dürfen nicht fassungslos davor stehen bleiben, wenn rechte Mobs wieder mit Hitlergruß durch die Straßen laufen.

Wir müssen lernen aus der Geschichte – auch gerade aus der Weimarer Zeit. Das sage ich heute hier ganz bewusst und nach den schrecklichen Bildern von Chemnitz‘ Straßen gestern.

Demokratie muss stark sein und in ihr die Demokraten. Extremisten dürfen keine Chance haben. Sie müssen die Minderheit bleiben. Deswegen ist es für uns an der Zeit, laut zu werden. Kofi Annan hat einmal gesagt: „Das Böse braucht für den Triumph nur die schweigende Mehrheit.“

Stellen wir uns alle miteinander dagegen!

 

Liebe Heidi Abderhalden,
Lieber Rolf Abderhalden,
Liebe Claudia Andujar,
Liebe Frau Ann-yi Bingöl,

mit der heutigen Preisverleihung werden Ihre Werke gewürdigt, vor allem aber auch der inspirierende Umgang mit Erfahrungen aus Katastrophen, Zerstörung, der Bedrohung von Existenzen und Ihr Einsatz für einen Neuanfang danach.

Heidi und Rolf Abderhalden, Sie haben mit „Mapa Teatro“ eine feste Instanz der kulturellen Aufarbeitung des katastrophalen Bürgerkriegs in Kolumbien entwickelt.

Sie haben keine Angst oder Scheu, in Ihren Theaterstücken die Gewalt in Kolumbien zu problematisieren und Fragen nach Schuld unverblümt und radikal zu stellen.

Damit beweisen Sie nicht nur großen Mut, sondern verleihen den Unterdrückten und selbst Toten eine Stimme und halten die Hoffnung der Überlebenden auf Gerechtigkeit aufrecht.

Auch im benachbarten Brasilien gibt es mutige Menschen, die sich für Unterdrückte einsetzen und ihnen Sichtbarkeit verleihen, wie Sie, liebe Claudia Andujar, mit Ihren Fotographien.

Sie selbst sind vor der Katastrophe des Holocaust aus Europa nach Brasilien geflohen. Als Sie dort sahen, dass die indigenen Völker Brasiliens von der Vertreibung und Verdrängung bedroht waren, griffen Sie zur Kamera und verewigten Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes, schon fast unsichtbar geworden waren.

Mit Ihrem unermüdlichen Einsatz leisten Sie einen unsagbar wertvollen Beitrag dazu, dass der einzigartige Lebensraum des Amazonas sichtbar bleibt und Menschen auch nach katastrophalen Verlusten ihr Leben hoffnungsvoll an neuen, sicheren Orten wieder aufbauen und in Würde weiterleben können.

Peter Eötvös hat mit seinen kompositorischen Meisterwerken nicht nur unsere gemeinsame europäische Musikkultur geprägt.

Er ermöglicht uns über seine bewegende Musik den Zugang zu der Gefühlswelt derer, die persönlich existenzbedrohenden Krisen und Ereignissen ausgesetzt waren.

Indem er tragische Momente in außergewöhnliche und wunderschöne Musik umwandelt, hilft er ihnen, ihre schweren Schicksalsschläge zu verarbeiten.

Zugleich zeigt er, dass selbst aus der tiefsten Katastrophe neue, tröstende kreative Kräfte für einen Neuanfang geschöpft werden können.

 

Sehr verehrte Damen und Herren!

Gerade heute muss klarer denn je sein, dass dieser Frieden, dass Demokratie und Menschenrechte immer wieder neu erkämpft werden müssen.

Das ist meine Botschaft auch an die junge Generation: Nicht verzweifeln, sondern dabei helfen, einen Unterschied zu machen. Sich auf die Seite derer stellen, die für Fortschritt und für Frieden eintreten.

Nicht jede Katastrophe werden wir abwenden können, aber wir können Verantwortung übernehmen. Für unsere Umwelt ebenso wie für unser friedliches Zusammenleben.

In der deutschen Außenpolitik übernehmen wir Verantwortung. Minister Heiko Maas, von dem ich Sie herzlich grüßen darf, hat klar gemacht, was das für uns heute heißt. Der Bundesaußenminister sagt, gerade auch als Antwort auf Trumps “Amerika First” muss es heißen “Europe United”.

Die Internationale Kulturpolitik und damit auch die Arbeit des Goethe Instituts wird dabei immer wichtiger, denn wir wollen Menschen zusammenbringen. Für die europäische Integration, den Zusammenhalt, aber auch für die Freiheitsräume, um kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen – weltweit.

 

Kurz gesagt: Wir müssen helfen, Freiheit zu stärken.

Ich danke deswegen dem Goethe-Institut und auch dem Institut für Auslandsbeziehungen, die mit großem Engagement daran arbeiten, die von Heiko Maas gestartete Martin Roth-Initiative für gefährdete Künstlerinnen und Künstler jetzt gemeinsam umzusetzen und sie bis hin zur sicheren Rückkehr in ihre Heimatländer zu unterstützen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Wir brauchen Menschen, die sich auseinandersetzen und wir brauchen kritische Stimmen.

Alle vier Preisträgerinnen und Preisträger stehen beispielhaft für einen Umgang mit Katastrophen, bei denen die soziale und unbändige Kraft der Kultur eine konstruktive Rolle spielen kann. Sie erinnern uns daran, verehrte Damen und Herren, wie wichtig Kunst ist, um Verständnis und Hoffnung zu schaffen.

Mit ihrer Arbeit machen Sie uns Hoffnung auf ein besseres Morgen.

 

Dafür gebührt Ihnen unser aller Dank und unser größter Respekt.
Herzlichen Glückwunsch!