Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth zur Eröffnung der Konferenz „Friedensverantwortung der Religionen“

19.06.2018

Foto (c) Auswärtiges Amt

— es gilt das gesprochene Wort —

Exzellenzen, liebe Kollegin Jutta Urpilainen, sehr geehrte Gäste, meine Damen und Herren, was für ein beeindruckendes Bild! Täglich sind Menschen aus aller Welt zu Gast bei uns im Auswärtigen Amt. Aber so viel Vielfalt, so viele unterschiedliche religiöse Gewänder und Ordenstrachten, sieht man selbst in diesem weltoffenen Haus nicht so oft.

Umso mehr freue ich mich, Sie heute herzlich im Auswärtigen Amt willkommen zu heißen. Ich danke Ihnen allen sehr, dass Sie die weite Reise nach Berlin auf sich genommen haben – ob aus Indien, China, Thailand, Sri Lanka, Malaysia oder Bangladesch. Das Vertrauen, das Sie uns damit entgegenbringen, ehrt uns sehr!

Besonders freue ich mich, dass wir diese internationale Konferenz gemeinsam mit unseren finnischen Freundinnen und Freunden ausrichten. Jutta Urpilainen, die Sonderbeauftragte für Mediation des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Finnland, ist heute hier. Haben Sie vielen Dank, liebe Frau Urpilainen!

In Finnland verfolgen Sie schon länger den Ansatz, eng mit Religionsvertreterinnen und -vertretern zusammenzuarbeiten. Ihre Erfahrung und Expertise war für uns bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung sehr wichtig. Diese Konferenz zeigt: Wir können und müssen in Europa von- und miteinander lernen – und damit ganz neue Wege gehen. Und zwar gemeinsam.

Meine Damen und Herren, bei aller Vielfalt und Buntheit hier in diesem Saal – ein großes gemeinsames Ziel eint uns doch: nämlich Frieden zu schaffen.

Zumindest kenne ich keine Religionsgemeinschaft, die nicht für sich den Anspruch erhebt, friedensstiftend zu wirken und Werte wie Versöhnung, Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu vermitteln.

Und gleichzeitig erleben wir überall auf der Welt, dass Terror, Gewalt und Unterdrückung mit religiösen Motiven begründet werden. Wir alle kennen auch diese andere, die dunkle Seite der Religion, wenn religiöse Kraft in blinden Fanatismus umschlägt, wenn Glaube zum Irrglauben wird. Wir alle kennen es, wenn Religion von Menschen instrumentalisiert wird, um politische Konflikte anzuheizen, um andere Religionen oder Volksgruppen herabzusetzen, auszugrenzen und zu verfolgen.

Beim Blick auf die Schlagzeilen aus aller Welt möchte man fast schon fragen: Ist die Religion denn nun wirklich Friedensstifterin oder ist sie nicht eher Spaltpilz unserer Gesellschaften?

Ich bin mir sicher, für uns hier in diesem Saal liegt die Antwort auf der Hand. Wir alle sind überzeugt davon: Religionen, ganz gleich an welchen Gott wir glauben, tragen eine ganz besondere Verantwortung für ein friedliches Miteinander, für gesellschaftlichen Ausgleich, Respekt und Toleranz.

80 Prozent der Weltbevölkerung bekennt sich zu einer Religion. Religionen prägen das Leben von Individuen und Gesellschaften, mit ihrer Botschaft erreichen sie viele Menschen – über nationale und kontinentale Grenzen hinweg. Religiöse Repräsentantinnen und Repräsentanten genießen oft hohes Ansehen und Vertrauen, ihr Einfluss reicht weit in ihre Gesellschaften hinein. Diese helle Seite von Religionen, diesen wertvollen Schatz des Friedens, wollen wir nutzen, fördern und ausbauen. Und deshalb sind die Religionsgemeinschaften für uns als Außenministerien ganz zentrale strategische Partner für die Friedensarbeit.

Ich sage das auch persönlich aus voller Überzeugung: Denn ich bin selbst ein gläubiger Mensch und arbeite seit vielen Jahren im Kirchenparlament der evangelischen Landeskirche in meiner nordhessischen Heimat mit. Und nun ist es ja nicht so, dass man seinen Glauben einfach so wie einen Mantel an der Garderobe abgibt, wenn man zum Staatsminister im Auswärtigen Amt ernannt wird. Auch als Politiker trage ich weiter Verantwortung für meine Kirche.

Das bedeutet nicht, dass ich Politik mache mit der Bibel in der Hand. Denn in Deutschland nimmt der Staat traditionell eine weltanschaulich neutrale Stellung ein. Seit 1919 ist die Trennung von Staat und Religion in unserer Verfassung verankert. Staat und Religion sind getrennte Bereiche, aber sie kooperieren miteinander und tragen Verantwortung füreinander – da sind wir auch schon wieder bei unserem Thema!

Die zweite tragende Säule unseres Modells ist die Religionsfreiheit des Einzelnen, die durch unser Grundgesetz geschützt wird. Die Freiheit, zu glauben und nicht zu glauben, die Religion zu wechseln oder keiner Religion anzugehören, ist von fundamentaler Bedeutung für uns. Niemand hat das Recht, seinen Mitmenschen einen bestimmten Glauben oder eine bestimmte Lebensart aufzuzwingen.

Aber eines ist für uns in Deutschland auch klar: Wenn Menschen im Namen einer Religion anderen Menschen die Menschlichkeit absprechen, wenn andere Gläubige zu Gewalt, Hass und Intoleranz aufgerufen werden, dann kann, ja dann darf der Staat nicht neutral bleiben. Keine Religion kann über dem Gesetz, über unserer Verfassung stehen.

Für Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und andere Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung gibt es in unserer offenen und liberalen Gesellschaft keinen Platz – auch nicht im Namen irgendeiner Religion. Niemals darf Religion der Deckmantel für Fanatismus sein.

Meine Damen und Herren, wir hier im Saal sind von der friedensstiftenden Kraft von Religionen überzeugt. Und deshalb wollen wir uns mit Ihnen austauschen und vernetzen. Das spart Kritik überhaupt nicht aus. Im Gegenteil. Wir als Außenministerien von Deutschland und Finnland wollen Sie gerne dauerhaft als konstruktive und verlässliche Partnerinnen und Partner gewinnen.

Im Mai 2017 fand hier im Auswärtigen Amt eine erste internationale Konferenz statt, zu der wir Religionsvertreterinnen und Religionsvertreter aus Nord- und Westafrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Europa eingeladen haben.

Im Dezember 2017 haben wir in New York zusammen mit den Vereinten Nationen und der Organisation „Religions for Peace“ eine Veranstaltung zum Friedensprozess in Kolumbien und zur Rolle der katholischen Kirche dort organisiert.

Heute dehnen wir unseren Horizont noch weiter aus auf Süd-, Südost- und Ostasien: Waren auf der ersten Konferenz im vergangenen Jahr vor allem abrahamitische Religionen anwesend, so wird dieser Kreis nun um Buddhismus, Hinduismus, Shintoismus und Daoismus grundlegend erweitert. Für uns bedeutet diese Konferenz einen großen Schritt. Ihr Denken und Handeln, liebe Gäste, dürfte für viele von uns neu und ungewöhnlich sein. Umso gespannter sind wir auf den Austausch mit Ihnen!

Der große Kontinent Asien mit seinen vielen Staaten und Nationen ist nicht nur einzigartig wegen der Vielfalt und Fülle der dort seit langem verwurzelten Religionen. In vielen Ländern besteht auch eine lange Tradition des friedlichen Zusammenlebens und von interreligiöser Toleranz.

Wie in anderen Regionen der Welt beobachten wir aber auch in Asien in jüngster Zeit, wie Religion immer stärker instrumentalisiert wird. Der friedliche und gemäßigte Islam in Südostasien gerät zunehmend unter Druck. Es kommt sogar zu Gewaltaufrufen durch Religionsvertreter. Religiös motivierte Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten nehmen zu. Erst kürzlich wurden in Indonesien Christinnen und Christen während eines Gottesdienstes von muslimischen Extremisten angegriffen.

Die Bundesregierung verurteilt diesen Missbrauch von Religion auf das Schärfste. Das sind schlimme Verletzungen des Menschenrechts.

In Myanmar beispielsweise wird die Lage in Rakhine von ultranationalistischen Mönchen dazu missbraucht, unter dem Deckmantel der Religion im Schulterschluss mit den mächtigen Militärs Hass zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen zu säen. Dazu wird es morgen Nachmittag eine Veranstaltung in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik mit einigen unserer Gäste aus der Region geben.

Regionale Anknüpfungspunkte gibt es also zu Genüge. Und deshalb kommt diese Konferenz auch zur rechten Zeit. Es geht nicht darum wegzuschauen, sondern hinzuschauen. Wir wollen diejenigen stärken, die sich für das friedliche Zusammenleben aller Religionen einsetzen, die anderen Gläubigen mit Respekt begegnen und sich für den interreligiösen Dialog engagieren. Und wir wollen Sie ermutigen, mit ihren unterschiedlichen religiösen Hintergründen als Brückenbauer und Friedensbotschafterinnen tätig zu werden.

Wir laden Sie dazu sein, sich in den nächsten drei Tagen mit vier Themen zu beschäftigen, die wir für besonders wichtig und diskussionswürdig halten:

Erstens das Thema Mediation und Vermittlung durch Religionsvertreterinnen und -vertreter. Ich nenne beispielhaft Kardinal Charles Maung Bo aus Myanmar, der heute leider nicht hier sein kann. Er ist einer der bekanntesten Aktivisten für Menschenrechte, Religionsfreiheit, interreligiöse Harmonie und Frieden. Vergangenes Jahr organisierte er die erste interreligiöse Friedenskonferenz in Yangon mit über 200 verschiedenen Religionsvertreterinnen und -vertretern, politischen Parteien, Diplomatinnen und Diplomaten sowie lokalen Organisationen, um über die friedensstiftende Arbeit der Religionen zu diskutieren.

Zweitens Religion und Medien. In Malaysia hat sich das Internationale Forum der Buddhistischen-Muslimischen Beziehungen zum Ziel gesetzt, als Plattform für Initiativen des Miteinanders zu dienen. Es will besonders die sozialen Medien nutzen, um positive Botschaften zu verbreiten und das Zusammenleben zu fördern. Diese und andere Beispiele werden wir in einer weiteren Arbeitsgruppe „Religion in den Medien und im öffentlichen Raum“ diskutieren.

Drittens die Erziehung zum Frieden. Wieder greife ich ein Beispiel unter vielen heraus: Auf der Grundlage von Buddhas Lehren unterstützt das Walpola Rahula Institut in Sri Lanka kritische Diskurse und Praktiken, um eine gewaltfreie Gesellschaft zu ermöglichen. Das Institut organisiert Trainings- und Bildungsprogramme, die auf buddhistischen Ansätzen zur Überwindung von Konflikten aufbauen.

Religiöse Bildung und Friedenserziehung sind Schlüsselbereiche, in denen sich viele unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorbildlich engagieren. Wie man Religion und Friedenserziehung sinnvoll gestalten kann, wird uns daher heute und morgen beschäftigen.

Und schließlich viertens: Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen nachhaltigen Frieden in Gesellschaften deutlich steigt, wenn Frauen am Friedensprozess aktiv beteiligt sind. Organisationen wie „Religions for Peace“ setzen sich in Asien für die volle Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen ein. Auch damit wollen wir uns während der Konferenz beschäftigen.

Meine Damen und Herren, Ihnen und uns allen wünsche ich eine erfolgreiche Konferenz, die uns inspiriert, ermutigt und vertrauensvolle Beziehungen für eine gemeinsame Arbeit begründet. Wir möchten einen Ort für einen konstruktiven und zugleich kritischen Austausch anbieten und von Ihnen und Ihren Projekten hören. Es wäre großartig, wenn Sie untereinander ins Gespräch kämen und Sie mit vielen guten Ideen im Gepäck die sichere Heimreise antreten. Möge unser Zusammentreffen in Berlin vom Geist der Toleranz, des Respekts und der Versöhnung geprägt sein. Danke für Ihr Vertrauen!

Seien Sie uns nochmals herzlich willkommen!